Sarah Steidl

Refugees in Literature

My website/blog:

https://www.slm.uni-hamburg.de/germanistik/personen/steidl.html

My topics:

film migration

My languages:

German English

My city:

Hamburg

My country:

Germany

Examples of previous talks / appearances:

  • Verkörperungen von Staatenlosigkeit. Flüchtlingsfiguren in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

    Das Flüchtlingsthema ist derzeit präsent wie nie – und das auf allen medialen Kanälen: Fernsehen, Zeitungen und das Netz zeigen die Bilder eines tot an den Strand gespülten dreijährigen syrischen Flüchtlingsjungen, Bilder von überfüllten Schlauchbooten im Mittelmeerraum und solche von den Eskalationen am serbisch-ungarischen Grenzübergang, wo die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Flüchtlinge vorgeht. Abseits der Bilder wird die deutsche Bevölkerung von Presseschlagzeilen wie „Krätze-Chaos im Flüchtlings-Camp“ beunruhigt, und ständig sehen und hören wir in den Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Politikerköpfe verschwörerisch beieinander stehend über Grenzen und Quoten diskutieren. Dem allen vorangestellt die Frage, ob Europa, ob Deutschland das schaffen kann. Die Debatte um Ex- und/oder Inklusion der Flüchtlinge in den deutschen Staat beschäftigt auch die Kulturschaffenden unseres Landes. Die Flüchtlingskatastrophe erscheint als ein ‚Muss-Thema‘ für hiesige Künstler – Perlentaucher, das wohl größte deutsche Kulturmagazin im Netz konstatierte im Frühjahr dieses Jahres in Anbetracht der steigenden Zahl künstlerischer Arbeiten zur Thematik: „Der Flüchtling ist der neue Held des Kulturbetriebs.“ Die Vielzahl aktueller Filme, Hörspiele, Theaterstücke und Bücher zu Flucht und Vertreibung ist meiner Meinung nach nicht als sensationsheischende, weil Erfolg und Geld versprechende Strategie seitens der Künstler zu lesen, sondern vielmehr ein Ausdruck von Hilflosigkeit, eine Kritik an der europäischen respektive deutschen Zuwanderungspolitik und eine Art Versuch, das ‚Flüchtige‘ zu (er-)fassen. Diese realen Flüchtlingsdramen, wie sie sich derzeit vor und hinter den Toren der ‚Festung Europa‘ abspielen, verhandelt der Kulturbetrieb als eine von Diskriminierung und Ausgrenzung im Herkunftsland sowie potenziell auch im Zufluchtsland geprägte Erfahrung, die einen tiefen biografischen Bruch im Leben der Geflüchteten verursacht. Erstkontaktaufnahmen zwischen Deutschen und den Geflüchteten werden eindrücklich als auf beiden Seiten von Unsicherheit begleitet bebildert und Fragen nach der Möglichkeit der Inklusion der Heimatlosen in unsere deutsche Gesellschaft vielfältig – und auf andere Weise als von der Politik – ausgelotet. Diese künstlerischen Verhandlungen von Flucht können dabei, so meine These, bereits als eine Form der Inklusion gelesen werden – bieten sie den Flüchtlingen doch zumindest über deren figurale Einbindung in künstlerische Narrative einen Ort, eine Beheimatung.

  • 8x Flucht. Wie viele Flüchtlinge ist ein Flüchtling? Versuch der Definition eines vielschichtigen Begriffes anlässlich der Lektüre von Abbas Khiders "Der falsche Inder"

    Im Romandebüt des in 1973 in Bagdad geborenen Abbas Khider erzählt der irakische Protagonist Rasul Hamid von seiner Flucht vor dem Al-Baath Regime unter Saddam Hussein in gleich acht aufeinanderfolgenden Berichten. In der Rahmenerzählung berichtet ein nicht namentlich benannter Erzähler, wie er während einer Zugfahrt auf ein Manuskript stößt, in welchem sich acht Versionen eines Staatenlosen über dessen Flucht aus dem Irak befinden. Gerade weil der Autor Khider hier wie auch in seinen zwei weiteren Romanen immer wieder durch Paratexte auf das literarische Exil 1933-1945 verweist, drängt es sich auf, das historische Exil als Vorgeschichte gegenwärtiger Entortungserfahrungen lesbar zu machen. Die Anlage des Textes mit seinen acht Versionen der Flucht des Protagonisten richten den Blick des Rezipienten gleichwohl unweigerlich auf den Begriff des Flüchtlings. Khider scheint mit seinem Roman eine eindeutige Definition des Flüchtlings an sich zu unterlaufen und so Kritik an der Definition des Begriffs seitens der Genfer Flüchtlingskonvention zu äußern, die den gegenwärtigen vielschichtigen Fluchtmotiven nicht mehr gerecht wird.